Buchtipps

Colin Crouch – Postdemokratie

Buchtipp: April 2018

Für wen interessant?

Politikinteressierte Leser kommen bei den von Colin Crouch aufgestellten Thesen wohl voll auf ihre Kosten. Dabei beschäftigt sich dieses Buch konkret mit der Rolle und der Stärke der Demokratie in westlichen Ländern. Wer also bei Diskussionen mit Freunden, Kollegen oder Konkurrenten über politische Systeme glänzen möchte, sollte einen Blick in dieses Buch werfen, auch wenn es schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.

Worum geht’s?

Die Stärke einer Demokratie verläuft in einer Parabelform. Sie ist direkt nach der Überwindung eines undemokratischen Regimes am stärksten. Dabei wird die Demokratie immer Stärke, bis sie eine gewisse Sättigung erreicht, nach der die Gesellschaft in die Postdemokratie übergeht. Unter Postdemokratie versteht Colin Crouch, ein britischer Soziologe und Politikwissenschaftler, eine Form der Demokratie, in der die Gesellschaft nur noch oberflächlich die Möglichkeit zur Mitgestaltung innehat. In einer postdemokratischen Gesellschaft werden zwar noch Wahlen abgehalten, die Bürger spielen aber nur noch eine passive Rolle. Debatten werden von PR-Experten (sogenannte „Spin Doctors“) gesteuert, Politiker versuchen mit Marketingstrategien ihre Wähler zu erreichen und zu gewinnen. Die reale Politik geschieht jedoch hinter verschlossenen Türen und dabei meist nicht im Interesse der Gemeinschaft, sondern der (Wirtschafts-)Eliten. Außerdem wird in Postdemokratien das Bestehen von sozialen Klassen und deren Privilegien verleugnet. Postdemokratische Parteien hängen mehr von ihren Anführern ab, als von ihrem Parteiprogramm. Welche Probleme mit dieser Entwicklung auftreten, wobei sie doch ohnehin recht augenscheinlich sein dürften, erklärt Colin Crouch in seinem Buch. Auch wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte und welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren, wird vom Briten analysiert. Wie schon eingangs erwähnt erschien die erste Ausgabe von Postdemokratie schon im Jahre 2004. Nichtsdestotrotz sind die darin beschriebenen Zustände und Thesen auch heute (2018) noch erschreckend passend. So gab es in den österreichischen Nationalratswahlen „Spin Doctors“ (z.B. Tal Silberstein-Affäre), öffentlichen Einfluss von Wirtschaftseliten, Postdemokratische Parteien mit Fokus auf starkem Leader (ÖVP, FPÖ).

Was habe ich aus dem Buch gelernt?

Demokratie ist ein zartes Pflänzchen, welches in der heutigen Zeit von der breiten Bevölkerung wohl als selbstverständlich angesehen wird. Jedoch zeigt sich bei der Analyse der letzten Jahrzehnte eine Schwächung der Demokratie, einen Übergang zur Postdemokratie. Diesen Vorgang umzukehren erscheint aufgrund der Wahlerfolge postdemokratischer Parteien in ganz Europa als äußerst kompliziert. Was bleibt ist, Widerstand, in welcher Form auch immer, zu leisten.

by: Jack

David Graeber – Schulden: Die ersten 5000 Jahre

Buchtipp: März 2018

Für wen interessant?

Dieses Buch richtet sich an all jene, die sich gerne mit der Geschichte der Schulden und des Geldes auseinandersetzen möchte. Jede Person, die sich schon mal gefragt hat, wie Schulden entstanden sind und welche Rolle Schulden in früheren Gesellschaften inne hielten, bekommt Antworten auf eine ganze Reihe von Fragen. Warum gibt es Schulden? Warum gibt es Geld? Was hat Macht damit zu tun? Achso, außerdem gibts einiges an Sozial- und Gesellschaftskritik…

Worum geht’s?

Wie der Titel des Buches schon verrät, handelt dieses ca. 400-seitige Schriftstück von der Geschichte der Schulden und des Schuldbegriffs. Schon zu Beginn des Buches stellt Graber die recht reißerische Frage: “Was passiert eigentlich, wenn wir unsere Schulden einfach nicht zurückzahlen?” Doch vorerst zurück zum Anfang. Das erste nachweisbare Schuldsystem der Welt wurde in Mesopotamien nachgewiesen. Dort wurden Lehmtafeln genutzt, um Schulden gezielt festzuhalten. Somit wurde auch ganz nebenbei die Schrift erfunden. Laut anthropologischer Forschung gab es aber dazumals so etwas wie Geld nicht. Menschen “schrieben” einfach immer und überall “an”. So etwas wie den sogenannten  Tauschhandel gab es nur mit Abstrichen. Zu gewissen Zeitpunkten bezahlten die Schuldner mit dem, was sie gerade hatten und versuchten ihre Schulden auszugleichen. All das passierte ohne die Anwesenheit von Geld oder standardisierten Zahlungsmitteln. Nun, warum ist das wichtig? Für heutige Ökonomen beginnt die Geschichte des Geldes immer mit einer Fantasievorstellung einer Welt des Tauschhandels. Laut dieser Theorie wurden z.B. Schuhe gegen Brot getauscht, was natürlich nicht sehr effizient gewesen sein dürfte. Dieser Tauschhandel war natürlich auch problematisch, weil sich jedes Individuum einen Tauschpartner suchen musste, der genau das suchte, was er anzubieten hatte. Deshalb sehen viele Ökonomen (darunter auch Klassiker bzw. Berühmtheiten wie Adam Smith oder Joseph Stiglitz) die Erfindung von Geld als eine Notwendigkeit an. Eine nette und auch logisch klingende Theorie, die nun jedes Kind schon in der Schule lernt. Auch für mich war das eigentlich quasi eine Selbstverständlichkeit. Nur hat diese Theorie wohl nichts mit der Realität zu tun. Es gibt schlicht keine Quellen, die Geld als Evolution aus dem Tauschhandel, erklären kann. Wie ist Geld sonst entstanden? Nun dafür gibt es mehrere Theorien. Die schlüssigste davon ist die “staatliche” Theorie. So tauchte Geld in der Geschichte meistens dann auf, wenn große Herrscher ihre Eroberungsfeldzüge planten. Geld wurde erschaffen um die Verpflegung der jeweiligen Armee logistisch zu vereinfachen.Auch das Auftreten von Märkten wird von Graeber diskutiert, wobei er die klassischen Maßnahmen hinterfragt. Märkte sind nicht von alleine entstanden, Märkte sind keine natürlichen Erscheinungen. Auch sie wurden von den Herrschern erschaffen, um das an die Armee ausbezahlte Geld wieder in die Staatskasse zurückzubringen. Geld, Schulden und Märkte also als Instrumente der Machtausübung und Machterhaltung? Gewissermaßen eine Gegentheorie zu gängigen Thesen. Bei all seinen Ausführungen kann Graeber seine Vergangenheit als einer der Köpfe der “Occupy”-Bewegung nicht verbergen, die vor allem durch Kapitalismuskritik auf sich aufmerksam machte. Auf jedem Fall gelingt es ihm in diesem Buch eine spannende Geschichte (der Schulden) zu erzählen und diverse Zusammenhänge von Macht, Geld, Schulden und Gemeinschaften zu erklären. Bevor ich aber jetzt das ganze Buch vorwegnehme, soll es das aber gewesen sein.

 

Was habe ich aus dem Buch gelernt?

Nun ist es nicht alltäglich, dass sich gewisse Dinge, die man schon von klein auf gelernt hat, als vollkommen falsch herausstellen. Geld war meines Wissens (und des Wissens meiner Lehrer, Eltern, Bekannten) nach, durch die Notwendigkeit des Tauschhandels entstanden. So kann man sich irren. Neben einigen großen Erkenntnissen wie dieser, sorgte das Buch bei mir auch immer wieder für Aha-Erlebnisse. Als Beispiel dafür kann ich “primitives” Geld nennen. In verschiedensten Medien las ich zwar schon von “Muschelgeld” und anderen Zahlungsmitteln. Dort wurde aber immer behauptet, es hätte eine ähnliche Funktion wie Geld in unseren Gefilden. Dem ist aber bei weitem nicht so. Dieses “primitive” Geld hat eine symbolische, keine wirtschaftliche Funktion. Und das in fast ausnahmslos jeder Kultur, in dem diese Form von Geld anzutreffen ist. Kurz, vieles, was dem gemeinen Europäer über Geld, Märkte und Schulden in den letzten Jahrzehnten eingetrichtert wurde, wird in diesem Buch auf den Kopf gestellt. Zurecht wie ich finde, sind doch die meisten Aussagen Graebers auf die Forschungen namhafter Anthropologen gestützt. Man kann von der politischen Haltung Graebers halten was man will, aber dieses Buch ist es Wert, über die in ihm getroffenen Aussagen nachzudenken.

Lieblingszitat:

“Märkte sind nicht real, sondern mathematische Modelle, geschaffen aus der Fantasie einer in sich geschlossenen Welt, in der alle die gleiche Motivation und das gleiche Wissen haben und den gleichen, am Eigeninteresse orientierten Austausch betreiben.”

 

by: Jack